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Weshalb werden einzelne Videos auf YouTube millionenfach angeschaut, während 90 Prozent der Beiträge nur einzelne Zuschauer finden? Eine neue Studie zeigt, dass die wachsende Aufmerksamkeit in sozialen Systemen wie der YouTube-Gemeinschaft nach bestimmten, wiederkehrenden Mustern verläuft. Mit mathematischen Modellen können diese beschrieben werden.
Die Internet-Videoplattform YouTube ist ein Tummelplatz für Wissenschaftler, die dem feinen Mechanismus der Aufmerksamkeitsspirale in sozialen Systemen auf die Schliche kommen wollen. Wie ist es möglich, dass ein YouTube-Video eines vormals unbekannten Komikers aus Ohio innerhalb von zwei Wochen über zehn Millionen Mal – während dessen Gesamtlaufzeit von zwei Jahren sogar über 103 Millionen Mal – angeschaut wird? Das Video wurde auf den populärsten Fernsehsendern Amerikas gezeigt und der Komiker Judson Laipply ist mittlerweile ein YouTube-Star. Sozialwissenschaftler, Ökonomen, Mathematiker und selbst Physiker sind fasziniert vom „Herding“ auf YouTube, wie das herdenähnliche Verhalten in sozialen Verbünden oft genannt wird.
Epidemieartige Verbreitung
Riley Crane forschte bis vor zwei Jahren an der University of California, Los Angeles,
an Supraleitern. Dabei beschäftige er sich mit kritischen Phänomenen in
Quantensystemen, bei welchen geringe Störungen unter bestimmten Voraussetzungen
das gesamte System verändern können. Ähnliche Phänomene sind auch in sozialen
Systemen zu beobachten. Mit diesen setzt sich Crane heute als Postdoktorand am
Chair of Entrepreneurial Risks am Departement Management, Technologie und
Ökonomie (D-MTEC) der ETH Zürich auseinander.
In der neusten Ausgabe der Wissenschaftspublikation PNAS beschreiben er und sein Professor Didier Sornette, wie das „Herding“ von YouTube-Nutzern in einfachen mathematischen Modellen dargestellt werden kann. Crane hat dafür mit Hilfe von selbst programmierten Systemen während zwei Jahren die Zuschauerzahlen von fünf Millionen Videos auf YouTube beobachtet. Er interessierte sich dabei in erster Linie für diejenigen Filme, die am meisten Aufmerksamkeit auf sich zogen, also mindestens 100 Mal pro Tag angesehen wurden. Nur 10 Prozent gehörten in diese Kategorie.
Diese wiederum unterteilte Crane in drei Klassen: „Junk“-Videos generieren unverhofft sehr viel Aufmerksamkeit, dies jedoch nur für sehr kurze Zeit. Sie sind uninteressant, denn sie lösen keine selbstorganisierte Entwicklung, keinen „Herdentrieb“, innerhalb der YouTube-Gemeinschaft aus. Anders bei „viralen“ Videos, der zweiten Kategorie: Diese breiten sich epidemieartig über weite soziale Netzwerke aus, zum Beispiel über Empfehlungen per E-Mail, Blogs und Internet-Links. Als Beispiel dafür führt Crane in der Publikation ein Werbe-Video für einen Harry Potter-Kinofilm an, das alleine durch Mund-zu-Mund-Werbung im Internet zu enormer Aufmerksamkeit kam. Die dritte Kategorie, die „Qualität“-Videos, sind den viralen ähnlich. Anstelle eines langsamen Popularitätsanstiegs verursachen sie aufgrund ihrer „Qualität“ jedoch einen plötzlichen Knall an Aufmerksamkeit, deren Popularität verbreitet sich rasch und ebbt danach langsam ab. So zum Beispiel bei den Videos zum Tsunami in Südostasien im Jahre 2004.